Die Schwalbe im Sturm

schwalbe im sturmDraußen tobt der Wind schon seit gestern Nacht, so dass die Bäume sich unentwegt biegen und die Blätter strömend rauschen.

Eine Gänsehaut kriecht über meinen ganzen Körper. Der Schein der Kerzen – gestern Nacht – hat mich wieder daran erinnert, dass ich aufhören wollte zu vermissen. Ihr gemütliches Licht gab mir für einen kleinen Moment lang ein Gefühl der Geborgenheit und der Wärme. Während der Sturm draußen zwischen den Häusern umher brüllte, fiel ich so seit langer Zeit wieder einmal sanft in den Schlaf.

Und Jetzt?

Heftige Regenschauer wechseln sich mit der Sonne ab, an diesen Tagen im Juli. Nein, eigentlich fließen sie nahtlos ineinander über wie ein Farbverlauf. Von quellendem grau über mattes weiß bis hin zu prachtvollem blau. Die Wolken rasen über den Himmel, als wären sie auf der Flucht.

Ich verharre im Stillstand, stelle mich gegen den Drang einfach weg zu laufen. Irgendwo hin, nur um zu vergessen. Ich bin wie eine Schwalbe im Sturm. Breite meine Flügel aus und halte der prellenden Luft stand, bis sich alles um mich herum wieder beruhigt hat. Erst dann kann ich weiter fliegen. Erst dann will ich weiter fliegen.

So lange schaue ich mir die Welt von oben an und versuche zu verstehen.

Von hier aus der Vogelperspektive scheint alles viel kleiner und stiller. Alles das was mir mitten drin so unfassbar überwältigend vorkommt, scheint etwas weiter weg ein bisschen weniger laut zu sein.

Und trotzdem fällt es mir schwer zu warten, ich frage mich wann der Sturm vorüber ist. Wie lange muss ich noch dagegen ankämpfen, bevor ich mich dazu entscheiden kann, einfach zu akzeptieren wie es ist? Ich will schwebend leicht sein….

Eine grölende Männerstimme holt mich wieder zurück auf festen Boden. Ich brauche einen Moment um zu realisieren, wo ich mich befinde.

Ich blicke von dem Balkon, im vorletzten Stockwerk, auf die Hauptstraße unter mir. Während die Autos dort wirr umher fahren, hupen, eine Blindenampel rhythmisch tickt und die Stimmen der Menschen- lachend, rufend und quatschend – mich irgendwie belasten. Mein Gemüt erschweren. Sie sitzen in kleinen Gruppen vor den Restaurantes, Cafés und Spätkäufen, schauen Fußball und klirren mit ihren Gläsern. Dort unter den grob verputzten Balkonen, gestreiften Markisen und vor den abgeschlossenen Hauseingängen.

Jeder einzelne von ihnen hat Angst. Angst vor irgendetwas, ob real oder nicht. Und jeder einzelne von ihnen versucht sich von seiner Angst abzulenken, anstatt sich gegen den Sturm zu stellen. Ich kann es jetzt fühlen und hören, wie nie. Und es verursacht einen dumpfen Schmerz in meinem Bauch, weil ich nichts dagegen tun kann. Sie vertrauen nicht mehr, lieben nicht mehr, sie leben nicht mehr, fühlen nicht mehr. Das Gegröle und Gelächter. Alles ist nur Fassade. Sie sind wie leere Gefäße mit schriller Ummantlung. Ich fühle mich, als hätte ich Steine gegessen. Sehne mich nach Leichtigkeit und weiß, dass nur die Zeit mir dieses Gefühl zurück bringen kann. Die Zeit und dann vielleicht du….

Ich schaue nach oben über die Dächer hinweg, vorbei an den mit Graffiti besprühten Hauswänden und schiefen Schornsteinen aus bröckeligen Backsteinen. Am Himmel schweben sie in Scharen, die Schwalben. Und der Horizont färbt sich langsam von blau zu rot. Die Wolken haben sich gerade wieder etwas beruhigt, doch niemand weiß für wie lange. Ich frage mich, ob du die Schwalben jetzt gerade auch siehst, Sehnsucht.

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