Der Rausch des Klatschmohns

Der Mond steht sichelförmig am klaren Nachthimmel, so groß und dünn, als hätte die dunkelblaue Samtdecke über uns einen Kratzer aus Licht.

Am Horizont die Umrisse des dunklen Waldes.

klatschmohn by nightIch bin hier mit dir, in dieser warmen Sommernacht, mitten in einem Feld aus rotem Klatschmohn. Ich habe gehört, dass Mohn die Blume der Illusionen und der Versuchung ist.
Pflückt man ihn, verliert er seine scharlachroten Blätter in wenigen Sekunden. Man kann ihn nicht einfach in eine Vase stellen. Er ist wie ein kleiner schöner Moment, der am längsten hält, wenn man ihn lässt wie und wo er ist. Gleichzeitig und das macht ihn so gefährlich, ist er wie ein Rausch von dem ich nicht genug bekommen kann. Ich kann von dir nicht genug bekommen.
Und obwohl ich es weiß, kann ich der Versuchung nur schwer widerstehen. Wie benebelt sehne ich mich nach ihr, gebe mich dem langersehnten Kontrollverlust meiner Gefühle einfach hin, ohne an die Folgen denken zu wollen. Gemeinsam mit dir im hier und jetzt.

Du küsst mich,
nimmst meine Hand.

So laufen wir ein Stück. Gleich neben dem Feld entdecken wir einen See. Das Wasser ist so klar und flach, dass wir die Steine am Grund glitzern sehen können. Zwei Fische schwimmen fröhlich zusammen darin umher.
Wir beobachten, wie sie aus dem Wasser springen. Erst der eine und als der zweite aus dem Wasser springt, passiert es. Mit dem Aufprall auf die Wasseroberfläche, platzt seine Schwimmblase. Er kann nicht mehr untertauchen.
Panisch versuchen wir dem Fisch zu helfen, schippen ihm mit unseren Händen Wasser zu, doch es ist aussichtslos.
Da schnappt er nach Luft und fängt an mit uns zu reden. Mit einer ruhigen Stimme sagt er: „Macht euch doch keine Sorgen um mich. Mir geht es gut!“
Kaum hat er diese Worte gesagt, verwandelt der Fisch sich in ein elefantengroßes Reptil. Seine glänzenden Schuppen werden zu einer dicken, ledrigen Haut. Ihm wachsen vier Füße und seine Flosse mutiert zu einem zackigen Schwanz. Ich schaue zu ihm auf. Und tatsächlich, es wirkt sehr lebendig. Wie frisch geboren, sitzt es im kühlen Wasser inmitten des klaren Sees.

Plötzlich realisiere ich, dass es nun seinen Partner vielleicht für immer verloren haben könnte, denn dieser ist noch immer ein Fisch. In diesem Zustand sind sie viel zu verschieden um weiter zusammen fröhlich im Wasser umher schwimmen zu können. Ich schaue dem gigantischen Wesen in die Augen um zu deuten wie es ihm damit geht. Bist du traurig oder glücklich? Fühlst du dich einsam oder nicht? Ich sehe von allem etwas, hinter seiner dicken, ledrigen Haut. Es bricht ihm das Herz, dass es nie wieder mit seinem Partner in diesem klaren Wasser umher schwimmen kann und gleichzeitig ist es gespannt auf die Zukunft. Und ja, es bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu akzeptieren wie es ist. Verlust und Neuanfang….

Erschrocken löse ich meine Hand aus deiner und dir fehlt plötzlich der Mut um weiter zu gehen. Der Gedanke dich jemals zu verlieren, der macht mir Angst. Sind wir nur dieser eine Moment? Ist das was wir gemeinsam sein könnten eine Illusion? Ist es nur der Rausch des Klatschmohns, der uns die Sinne vernebelt?

Oder sind wir doch viel mehr als das?

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